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WarumNationenScheiternIm Jahre 2012 veröffentlichten Daron Acemoglu (Professor für Wirtschaftswissenschaften am MIT) und James A. Robinson (Professor für Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University) eine ausführliche Untersuchung zur Frage, warum Nationen scheitern und warum sie prosperieren. Das Werk wurde geradezu begeistert von den Wirtschaftswissenschaften aufgenommen. Immerhin sechs Kollegen mit Nobelpreis sprechen von einer „absolut überzeugenden Studie“ und „einem wichtigen, unverzichtbaren Werk“. Ich habe es mit großem Gewinn gelesen. Die ihr zugrundeliegende Theorie lässt sich widerspruchsfrei mit den Erkenntnissen der klassischen Ökonomen (Adam Smith) und der Österreichischen Schule (Ludwig von Mises) über die Bedingungen für die Entwicklung von Nationalreichtum verbinden. Die Autoren legen eine außergewöhnlich breite Sammlung von historischen Beispielen vor, die vom Neolithikum bis heute reicht und alle Kontinente und Epochen umfasst. Wir werden zu den Staaten Mittel- und Südamerikas vor und nach der Eroberung durch die Spanier geführt, nach Kolumbien, Argentinien und Mexiko, ins alte Rom, nach China, Japan und Australien, in den Kongo, nach Südafrika, Botswana, Simbabwe und nach Westafrika, zur Kolonisierung Nordamerikas, in die amerikanischen Südstaaten vor und nach der Sklavenbefreiung, nach Russland, nach Ägypten, vor allem aber nach Großbritannien.

Die Beispiele belegen und erhellen die Theorie von den Institutionen, die für das Gedeihen der Nationen entscheidend sind. Der durchschnittliche Leser wird nicht in der Lage sein, die vielen Beispiele, die übrigens recht knapp und kursiv durchwandert werden, zu überprüfen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Aber insofern er Vorwissen besitzt, passen die Darstellungen ins Bild. Mehr noch, sie werfen auf die Bilder ein neues helles Licht, weil sie mit Hilfe einer recht einfachen Erklärung Analogien zeichnen und die den Fällen zugrunde liegende Logik kenntlich machen. Das Heureka-Erlebnis war für mich frappant.

Extraktive und inklusive Gesellschaften

Gesellschaften können extraktiv oder inklusiv sein, wobei in beiden Fällen unterschiedliche Grade der Ausprägung beobachtet werden. Extraktiv lässt sich mit ausbeuterisch oder auszehrend übersetzen. In diesen Fällen herrscht eine wirtschaftliche Elite über die Produktionsmittel und den Staat und bereichert sich auf Kosten der Allgemeinheit. Die Elite häuft Reichtum an, der beträchtlich sein kann, während das Volk arm ist und stets arm bleibt. Die extraktiven Eliten herrschend autoritär. Sie sind konservativ, d.h. reformfeindlich eingestellt, weil jede Veränderung im Sinne der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) auf der Grundlage unternehmerischer Schöpferkraft ihren elitären Status unterhöhlen und schwächen könnte. Die Eliten errichten eine undurchdringliche Schranke zwischen sich und dem Volk. Sie heiraten untereinander und machen miteinander Geschäfte. In der Klassengesellschaft Guatemalas herrschen seit 1531 knapp fünfzig Familien über Staat und Wirtschaft, im Kern nur dieselben zweiundzwanzig Oligarchen. Sehr häufig werden extraktive Staaten von Diktatoren regiert. Je mehr politischen Einfluss die Mitglieder der Oligarchie haben, desto größer sind die Chancen auf Bereicherung. Der Mexikaner Carlos Slim übernahm durch gute Kontakte zur herrschenden Partei Mexikos die monopolistische Telefongesellschaft und konnte Konkurrenten abwehren. Sein Vermögen wurde 2007 auf 67,8 Mrd. US-Dollar geschätzt. Beim Zerfall der Sowjetunion wurden die zur Privatisierung anstehenden Staatsbetriebe von wenigen Neunternehmern unter den Nagel gerissen, die gute Kontakte zum Geheimdienst hatten; und der ehemalige Chef des russischen Geheimdienstes, Wladimir Putin, lenkt als Präsident bzw. Ministerpräsident die weitere Konzentration wirtschaftlicher Macht durch Ausschaltung von unbotmäßigen Rivalen wie Chodorkowski. Aus diesem Grund herrscht unter ihnen typischerweise eine Rivalität, die zu Putsch und Revolution führen kann. Extraktive Staaten sind in historischer Sicht relativ instabil. Dennoch sind sie der Haupttyp in den Agrargesellschaften seit der neolithischen Revolution und der ausschließliche bis zur Glorreichen Revolution in England 1668. Sie unterliegen wiederkehrenden Machtkämpfen (man denke an die Kämpfe um das englische Königshaus zwischen den Familien York und Lancaster, Tudor und Stuart). Doch führen Machtwechsel in der Regel zur Erneuerung der extraktiven Institutionen. Sie ändern nichts an der Armut der Nationen.

Inklusive Nationen sind das Gegenteil der extraktiven. Inklusiv bedeutet einschließend, teilnehmen lassend. Die Macht verteilt sich tief in der Gesellschaft auf selbstbestimmte Individuen. Die Produktionsmittel gehören sehr vielen Unternehmern, deren Eigentum und Vermögen rechtlich geschützt sind. Die staatliche Macht ist durch Einrichtungen des Parlamentarismus und der Gewaltenteilung nicht nur formal, sondern tatsächlich geteilt. Die politischen Strömungen ringen um Einfluss auf die Regierung, verzichten aber darauf, ihre politischen Gegner zu verfolgen und zu vernichten. Die Macht wandert von einer Gruppe zur anderen, je nach Willen der Mehrheit der Nation. Wir sprechen von einem Macht- und Wirtschaftspluralismus. Inklusive Gesellschaften lassen Innovationen zu. „Schöpferische Zerstörung“ erneuert immer wieder die Machtverhältnisse, gewährt Neuunternehmern und Nachwuchspolitikern aus allen Schichten Zugang zu den Führungspositionen. In der Glorreichen Revolution von 1688 erkämpfte sich der Landadel und die städtischen Patrizier die Machtbeteiligung mit Hilfe der politischen Partei der Whigs. Diese repräsentierte nur zwei Prozent der Bevölkerung, während die gegen sie gegründeten Tories eine noch kleinere Elite der Kirche und des Hochadels verkörperte. Aufs Ganze gesehen war der Liberalismus ein Elitenprojekt (was er bis heute geblieben ist), doch durch die Machtteilung zwischen den Tories und den Whigs wurde das Prinzip der Inklusion und Partizipation in die Welt gesetzt, mit den Jahrzehnten ausgeweitet, bis schließlich das ganze Volk einschließlich der Frauen an Macht und Wirtschaft beteiligt war. Die Länder, die gewöhnlich dem Westen zugerechnet werden, sind durch ihre Inklusivität miteinander verbunden: Die USA, die EU-Staaten, Israel, Japan, Australien und einige andere sind liberale Demokratien. Dagegen sind Diktaturen wie Russland, Saudi Arabien, der Iran, Ägypten, China und viele andere exktraktive Gesellschaften.

Übergänge

Es gilt vier Entwicklungstypen zu unterscheiden.

1. Extraktive Gesellschaften bleiben nach einem Machtwechsel extraktiv (Ägypten von Nasser zu Mubarak, Russland vom Zaren zu Stalin, Nicaragua vor und nach den Sandinisten, Kuba von Batista zu Castro). Teufelskreise beschreiben die Widerständigkeit der Strukturen gegen Erneuerungen selbst von Revolutionen, die mit idealistischen Losungen erfolgreich waren.

2. Inklusive Gesellschaften erhalten und erneuern ihre Inklusivität. Man spricht von Tugendkreisen, durch die es gelingt, die Inklusivität gegen Übermächtigungsbestrebungen zu verteidigen. Beispiele hierfür sind die Abwehr diktatorischer Tendenzen der Old-Whigs oder Franklin D. Roosevelts.

3. Selten findet der Übergang von der extraktiven zur inklusiven Form statt. Als Beispiele dienen dabei die frühen Kolonisierungen Nordamerikas, die bürgerlichen Revolutionen in Großbritannien 1688–1689, in Frankreich 1789–1815. Die neoliberalen Revolutionen in den ehemaligen sozialistischen Satelitenstaaten, in Deutschland nach 1945, die Entwicklung Australiens von der Sträflingskolonie zur Nation seien hier beispielhaft genannt.

4. Die Gegenbewegung ist ebenso möglich. Deutschland ging im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen von inklusiven zu extraktiven Formen über (Wilhelminismus, Nazismus). Ganz Europa stand auf der Kippe und selbst in den USA wurden mit dem New Deal Roosevelts Tendenzen zu einem autoritären Staat stärker. In unseren Tagen erleben wir eine autoritäre Restauration in Polen und Ungarn.

Auf diesem Hintergrund lässt sich die Theorie formulieren, dass Entwicklungshilfe zur Überwindung der Armut ohne den Übergang zu inklusiven Gesellschaftsformen letztlich unwirksam ist. Doch gibt es für die Überwindung des Extraktismus kein Patentrezept und keine einfachen Antworten.

Die Theorie der Institutionen und die liberale Sozialtheorie

Die liberale Sozialtheorie und ihre ökonomische Wissenschaft vertreten, dass der materielle Wohlstand einer Nation proportional zur Quote des investierten Kapitals pro Kopf der Bevölkerung ist. Je höher kapitalisiert Unternehmen sind, desto ergiebiger die Arbeit und desto billiger die Produkte und desto reichlicher die Versorgung der breiten Massen mit Gütern. Zu den Bedingungen, die die Kapitalisierung begünstigen, gehören: Arbeitsteilung, Freihandel, Schutz des Sondereigentums. Im weiteren gehören dazu ein Rechtsstaat, eine technische und kulturelle Infrastruktur, insbesondere die Bildung der Fachkräfte. Die Autoren des hier besprochenen Werks geizen sehr mit begrifflichen Definitionen. An keiner Stelle definieren sie den zentralen Begriff der Institution. Doch liefert uns die liberale Gesellschaftstheorie und die Nationalökonomie diese. Die oben aufgezählten Bedingungen sind genau die ökonomischen Institutionen, von denen die Rede ist, während die Einrichtungen des liberalen Rechtsstaates, also Parlamentarismus, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und eine gut funktionierende Verwaltung das politische Pendant bilden. Es gehört aber notwendig noch ein weiterer Faktor hinzu: Der Wille zur Beibehaltung des Pluralismus. Die an der Erringung und Ausübung der politischen Macht beteiligten Parteien müssen sich in dem Punkt einig sein, dass die Macht nicht zur Vernichtung und Exkludierung des Gegners benutzt wird. Machtwechsel sind wesentliche Bestandteile der Gesellschaft. Die sehr breite Aufteilung von Sondereigentum und der offene Zugang zur Machtpartizipation sind die hervorstechenden Merkmal inklusiver Gesellschaft. Dabei werden die Autoren nicht müde zu betonen, dass die Zentralisierung der politischen Macht, also das Gewaltmonopol, für die Durchsetzung und Bewahrung von Inklusion unverzichtbar ist. Nationen, in denen das Gewaltmonopol zersplittert ist, sind extraktiv. In ihnen herrscht Bürgerkrieg, Fede, Blutrache und dergleichen und diese verhindern Investition und Kapitalisierung. Anarchie schafft Armut. Die Machtzersplitterung (der Liberalismus spricht von Feudalisierung) kann territorial sein (Kolumbien heute, China bis 1949) oder kartelliert (Mexiko, Süditalien). Der Arm der Staatsmacht greift hier nicht überall hin und setzt den Rechtsstaat nur unzulänglich durch. In der Tiefe der Gesellschaft herrscht ein Naturzustand der Anarchie.

Ein neuer Ansatz zu einem historischen Kompromiss

Unter Inklusivität versteht die Theorie der Instiutionen die Einbindung möglichst vieler Menschen an das Streben nach Reichtum. Dies setzt Sondereigentum und dessen Schutz voraus. Staatliche Eingriffe, die die Früchte unternehmerischen Handelns verstaatlichen und machtpolitischen Zielen zuführen, demotivieren Unternehmer und leiten einen Zustand wirtschaftlicher Apathie ein. Wir behalten im Sinn, dass hier Grade von Konfiskation und Apathie zu unterscheiden sind. Es lässt sich behaupten: Je höher die Gewinnerwartungen, desto lebhafter unternehmerisches Handeln. Und weiter: Je mehr Menschen unternehmerisch handeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich individueller und gleichzeitig auch gesellschaftlicher Reichtum ausbilden. Diese einfache These muss aber noch in einer Hinsicht eingeschränkt werden. Unternehmerische Gewinne wirken sich nur dann zugunsten des Nationalreichtums aus, wenn sie investiert werden. Sobald sie nur im persönlichen Verbrauch veräußert werden, dekapitalisieren sie sich und sind für andere ohne größeres Interesse. Die sagenhaften Gewinne aus Gasexportgeschäften werden von den russischen Patriarchen nicht in den Aufbau einer breiten arbeitsteiligen Industrie investiert, sondern für Luxusgüter verschwendet oder im Ausland zum Zweck der Werterhaltung gebunkert. In extraktiven Gesellschaften sind gerade die größten Unternehmer besonders parasitär. Die Billionen, mit denen die Spieler im Finanzsektor pokern, schaffen keinerlei Reichtum der Nation, so lange sie nicht zu produktiven Investitionen verwendet, also gerade nicht verspielt werden. Andererseits bedeutet Inklusivität auch, dass die unteren Schichten am Wachstum des Reichtums beteiligt sind. Wenn es der Wirtschaft gut geht, soll es auch dem Arbeiter gut gehen. Weitsichtige Unternehmer lassen ihre Mitarbeiter am Genuss der Gewinne teilhaben. Sie sind bereit, vernünftige Arbeitstarife abzuschließen. Eine Gesellschaft von Kapitalisten, die nach der Losung „Laissez-faire“ für sich niedrige Steuern und für die Arbeiter niedrige Löhne fordert, um selbst hohe Gewinne zu erzielen, die immerzu ausschließlich zur Ausweitung des unternehmerischen Engagements eingesetzt werden, sind tendenziell nicht inklusiv. Sie vertrösten die Armen immer wieder auf später und schaffen damit den Nährboden für destruktive Demagogen. Privater Erfolg und allgemeiner Wohlstand müssen miteinander verbunden sein, damit sich eine Kultur des Inklusionismus entwickeln kann. Inklusive Gesellschaften sind kapitalistische Marktwirtschaften auf der Grundlage eines Paktes zwischen Arm und Reich. Jeder gönnt jedem Erfolg und Wohlstand. Sie akzeptieren Ungleichheit als Voraussetzung und notwendige Auswirkung von erfolgsorientiertem Handeln. Doch vermeiden sie es, die breiten Schichten vom allgemeinen Wohlstand auszuschließen. In dieser Hinsicht leben wir in Deutschland in einer inklusiven Gesellschaft. Die Theorie der Institutionen bietet einen Ansatz zur Überwindung der Feindschaft zwischen Liberalismus und Sozialismus, weil sie die Werte beider Welten miteinander verbinden kann. Nur im inklusiven Kapitalismus können die breiten Massen ihre Armut überwinden und nur in einer humanen Gesellschaft lassen sich die Massen zur Inklusion motivieren und sichern damit das private Unternehmertum gegen die Anschläge der radikalen Demagogen.

Ich habe in meinem Buch „Sklerose. Leitbilder und Ideologien einer alternden Gesellschaft“ ein Thema aufgeworfen, das sich sich reibungslos an das des hier zu besprechenden Buches anfügt. Das Thema meines Buches ist eine inklusive Gesellschaft, die altert, wobei sie die Inklusion womöglich übertreibt und somit unternehmerisches Engagement drosselt. Es beschreibt die Anfänge eines drohenden Überganges von einer inklusiven zu einer extraktiven Gesellschaft, allerdings nicht im Sinne einer Diktatur der Reichen über die Armen, sondern einer Gesellschaft, in der fehlgeleitete Mittelschichten die produktiven Unternehmer immer stärker belasten, drosseln und gängeln, um einen Wohlfühlstaat nach ihrem Geschmack einzurichten. Dass dieser Weg nicht bis zu Ende gegangen werden kann, weil er sich selbst den Boden unter den Füßen abgräbt, ist klar. Doch historisch ist diese Entwicklung im Gange. Das ist hochinteressant, weil so etwas in der Geschichte meines Wissens noch nicht auftrat. Es ist die Zukunft, die hinter dem Horizont des Kampfes um die Überwindung der Armut auf der Erde liegt. Sie wird uns noch beschäftigen.

Acemoglu/Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut, 2. Auflage 2014, Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 608 Seiten, € 14,99.

Diesen Artikel durften wir freundlicher Weise von Helmut Krebs Blog „Menschliches Handeln“ übernehmen. Besucht seine Seite für zahlreiche weitere interessante Artikel!